10.10.09

CB.e Change-Expertin schreibt für Die Welt zum Thema "Entscheiden im Sekundentakt"


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Lehmann_CBe_5x7_300dpiEntscheiden im Sekundentakt
Auf den Bauch hören oder besser auf den Kopf?
So regaieren Sie richtig, wenn die Zeit kanpp ist.
Dabei kann man von Piloten viel lernen.

von Monika Maria Lehmann

Montagmorgen, Anruf beim Personalchef: „Haben Sie schon im Blog gelesen, dass wir verkauft werden und Leute entlassen? Wie konnte das durchsickern?“ Der Adrenalinspiegel steigt, Horrorszenarien bauen sich vor dem inneren Auge auf, was soll man jetzt nur zuerst machen? Entscheiden unter Stress ist Alltag für viele Führungskräfte. Im Sekundentakt müssen Antworten gegeben werden und das in der Regel ohne alle Einflussgrößen zu kennen. Hinzu kommt, dass Stress bei jedem Menschen ähnliche Symptome auslöst. Wir sind weniger Vernunft gesteuert, unsere Großhirnfunktionen, die beispielsweise für unsere Handlungsfähigkeit und Sprache zuständig sind, werden zurückgefahren. Wir schalten auf Angriff oder Flucht um.

Die Natur macht uns wie so häufig einen weiteren Strich durch die Rechnung. Wir sind nicht so frei in der Lösungsfindung wie wir oft meinen. Die Hirnforschung hat nachgewiesen, dass wir uns gerade in Stresssituationen auf unsere Intuition verlassen, aus dem einfachen Grund, weil eine rationale Analyse oft zu lange dauern würde. Nur fünf Prozent unserer Erfahrungen kommen bei Entscheidungen unter Zeitdruck
zum Einsatz.

Allesamt keine guten Voraussetzungen, Entscheidungen zu treffen. Was kann man also tun?

Eine mögliche Antwort kommt aus der Luftfahrt. Hier können Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Untersuchungen haben ergeben, dass die häufigste Ursache für Unfälle menschliches Versagen ist. Seit Mitte der achtziger Jahre arbeitet die Branche an Lösungen, den Unsicherheitsfaktor Mensch auf Extremsituationen vorzubereiten. Eine heißt „FORDEC“ und wird unter anderem bei der Lufthansa eingesetzt. Die Methode
arbeitet mit sechs Phasen, die helfen sollen, die richtige Entscheidung zu treffen, jeder Buchstabe steht für eine Phase.

Wie arbeitet FORDEC? Sammle alle Fakten (Facts), die du finden kannst und schreibe sie auf: Was ist wie wann passiert, wer ist betroffen, wie viel Zeit haben wir? Dann schau dir deine Optionen (Options) an: Welche Möglichkeiten haben wir, gibt es Standardverfahren, kann uns jemand von außen helfen, haben wir genügend Ressourcen?

Option mit den geringsten Risiken
In Schritt drei werden Risiken (Risks) und Vorteile anhand einer Matrix geprüft – die schwierigste Aufgabe in diesem Prozess: Bewerte die Optionen, hast du Favoriten, wo siehst du die meisten Unsicherheitsfaktoren. Danach heißt es: Entscheide (Decision) dich! Wähle die Option mit den geringsten Risiken bei besten  Erfolgsaussichten. In dieser Phase hier liegt ein großer Stolperstein: Trifft man die Entscheidung am besten allein oder einstimmig oder mehrheitlich oder im Konsens mit dem Team? Unverzichtbare Voraussetzung hierbei ist, dass alle Teammitglieder die Methode kennen und beherrschen. Sobald die Entscheidung steht, geht es an die Vorbereitungen für die Umsetzung (Execution): Wer macht
was wann wie?

Schließlich wird die konkrete Planung und Durchführung während der Ausführung immer wieder einem Sicherheitscheck (Check) unterzogen: Bringt meine Entscheidung die gewünschte Lösung des Problems? Erreiche ich mein Ziel? In dem Moment, wo das nicht mehr der Fall ist, kehre ich zurück zu meinen Optionen und durchlaufe die Stationen noch einmal.

Das Fazit daraus ist: Die Methode hilft dabei, dass Entscheidungen weder zugunsten der Vernunft noch der Emotion getroffen werden, die reine Nutzwertanalyse ebenso wenig Chancen  hat wie das reine Bauchgefühl. Sie sorgt dafür, dass beide Seiten betrachtet werden und in den Entscheidungsprozess einfließen können.

Damit kratzt die Praxis aus der Luftfahrt an einer lieb gewordenen Vorstellung. Jahrelang haben uns Wissenschaftler erzählt, dass emotionale Intelligenz der Schlüssel zum Erfolg ist, wir auf unser Bauchgefühl hören sollen. Menschen, die in erster Linie ihrer Vernunft vertrauen, gelten als unsexy, langweilig und unsympathisch. Ist jetzt das Ende der emotionalen Intelligenz angebrochen? Kehren wir zu Kant und den Aufklärern zurück, die sagen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“? Nein, so extrem ist es wohl nicht. Aber es sollte uns zum Nachdenken bringen. So einfach die Methode klingt – sie erfordert auch Konsequenz. Konsequenz insofern, als sie nur funktionieren kann, wenn es eine entsprechende Stress-Kultur“ im Unternehmen gibt. Wenn alle Beteiligten die Regeln kennen und sie verbindlich anwenden. Und noch etwas: Die auf diese Weise hochprofessionell herbeigeführte Entscheidung sollte von einer ebenso professionellen Kommunikation im Unternehmen begleitet werden. Krisen geschehen nicht im luftleeren Raum – dahinter stehen immer Menschen.

Die Autorin ist Leiterin des Bereiches Corporate Communications bei der Kommunikations-Agentur CB.e Clausecker|Bingel. Ereignisse AG

erschienen in Die Welt, Karrriere Welt, 10. Oktober 2009, S. 4

Pressekontakt

Vera Jansen-Cornette

+49(0)30-81884.172
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